Informationen der Bistumsleitung:Pastorale Orientierungen – Entwicklungslinien für die Zukunft der Pastoral im Erzbistum Bamberg

DER ERZBISCHOF VON BAMBERG
Pastorale Orientierungen – Entwicklungslinien für die Zukunft der Pastoral im Erzbistum Bamberg
Pastorale Grundlagen – eine Hinführung
„Die Kirche ist in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.“ (LG 1) – Mit diesen Worten charakterisiert das Zweite Vatikanische Konzil die Bedeutung der Kirche, die sich als Volk Gottes versteht. Diesem Anspruch weiß sich die Kirche von Bamberg auch heute verpflichtet.
Der zentrale Orientierungspunkt kirchlichen Handelns ist Jesus Christus. Seine Predigt und sein Handeln, seine Passion und seine Auferstehung bilden die entscheidenden Grundlagen unseres Glaubens. Auf diese müssen sich alle Formen kirchlichen Lebens beziehen. Dabei bewegen wir uns als Kirche von Bamberg im Rahmen der gesamtkirchlich gültigen Regeln und Normen und nutzen dabei die sich uns bietenden Möglichkeiten und Räume.
Heute findet sich die Kirche in einer zunehmend differenzierten Gesellschaft und trifft auf Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten, Erwartungen und Bedürfnissen. Wir erkennen, dass wir diesen nicht vollumfänglich gerecht werden können, da unsere Möglichkeiten und Ressourcen begrenzt sind. Wir können nicht in allen Bereichen und an allen Orten des Lebens präsent sein.
In dieser Situation ist Jesus Christus unser Maßstab. Er hat sich von Notlagen der Menschen ansprechen lassen, auch über die Grenzen des eigenen Volkes hinaus, und er hat die Botschaft vom nahe gekommenen Reich Gottes verkündet. In seiner Sendung wusste sich Jesus Christus vom himmlischen Vater gehalten, mit ihm verband er sich besonders durch das Gebet aufs Innigste. Um seine Sendung weiterzutragen, hat er eine Gemeinschaft von Jüngerinnen und Jüngern um sich gesammelt, der er auch bei ausbleibendem Erfolg seine beständige Nähe und Begleitung versprochen hat.
Vom Vorbild Jesu lernen heißt, auch mit möglichem Misserfolg zu rechnen, heißt loslassen können, heißt Hingabe aus Solidarität. Für dies alles steht das Kreuz des Erlösers als unser christliches Erkennungszeichen.
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Wir nehmen heute wahr, dass die Anzahl von Menschen, für die der Glaube der Kirche ein Herzensanliegen ist, geringer wird. Wir nehmen ernst, dass wir gerade zu jenen gesandt sind, die mit kirchlichen Angeboten in ihrer bisherigen Form nichts mehr anfangen können oder die bislang noch nicht mit der Frohen Botschaft in Berührung gekommen sind.
Wir nehmen die Menschen in ihren jeweiligen Lebenswelten und sozialen Bezügen wahr – mit ihren konkreten Bedürfnissen, Freuden und Hoffnungen, Sorgen, Zweifeln, Ängsten und Nöten (vgl. GS 1). Und wir nehmen zugleich die Grenzen unserer bisherigen kirchlichen Strukturen wahr, insbesondere im Hinblick auf die personellen und finanziellen Möglichkeiten.
Auf der Basis dieser Wahrnehmungen ergeben sich als pastorale Grundlagen für die Kirche von Bamberg:
• Wie Jesus Christus geben wir dem Gebet den höchsten Stellenwert und fördern alles, was die Beziehung zu Gott stärkt.
• Wie Jesus Christus bemühen wir uns darum, Gemeinschaft unter den Menschen zu fördern, nicht in einer exklusiven Form, sondern im Blick auf alle Menschen in ihrer Einzigartigkeit und in ihrer Lebenswirklichkeit.
Daher treten wir für eine Welt ein, in der Unterschiedlichkeit als Bereicherung erfahren wird.
• Wie Jesus Christus nehmen wir die Menschen in ihren jeweiligen Lebenswelten und sozialen Bezügen wahr – mit ihren konkreten Bedürfnissen, Freuden und Hoffnungen, Sorgen, Zweifeln, Ängsten und Nöten, und versuchen, im Sinne des Herrn zu handeln.
• Wie Jesus Christus trauen wir den einzelnen Menschen mit ihren unterschiedlichen Charismen zu, Wesentliches zum Aufbau des Reiches Gottes heute beitragen zu können, und wir ermuntern sie, ihre Potenziale und Begabungen zu erkennen und verantwortlich einzusetzen.
• Wie Jesus Christus leben wir die Bereitschaft, auch Liebgewordenes loszulassen und Dinge aufzugeben, die einmal wichtig waren und ggf. immer noch sinnvoll sind, aber nicht mehr gehalten werden können. Dabei sind wir getragen von der festen Überzeugung, dass es im Letzten nicht auf unseren Beitrag ankommt, sondern auf Gottes Wirken, damit unser Tun als Kirche fruchtbar wird.
Pastorale Orientierungen
Pastorale Orientierungen sind zentrale Entwicklungslinien für die Zukunft der Pastoral im Erzbistum Bamberg. Sie sind dynamisch und werden anhand von Rückmeldungen aus der Praxis fortgeschrieben.
Ausgehend von den pastoralen Grundlagen ergeben sich folgende konkreten pastoralen Orientierungen im Erzbistum Bamberg:
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Gesandt ins Heute
Die Kirche von Bamberg richtet sich in ihrem pastoralen Handeln, ihrem Sendungsauftrag folgend, zukünftig gleichermaßen gezielt auf Menschen aus, die
• ihren Glauben im Alltag und in Gemeinschaft leben wollen – wie bisher oder in neuen Formen,
• punktuell kirchliche Dienstleistungen (Liturgie, Kasualien etc.) oder Engagementmöglichkeiten (z. B. Projekte im sozial-caritativen Bereich) suchen,
• offen für Sinn- und Lebensfragen sind, ohne aktiv nach kirchlichen Angeboten zu suchen,
• marginalisiert sind oder sich in einer Notlage befinden und Unterstützung, Begleitung oder konkrete Hilfe benötigen.
Diese Ausrichtung geschieht situativ und exemplarisch. Der Fokus richtet sich auf die Menschen in ihren Lebenswelten. Dabei werden besonders Menschen in den Blick genommen, die aktuell nicht erreicht werden. Wo und wie die Schwerpunkte gesetzt werden, wird vor Ort entschieden, orientiert an den Menschen, den vorhandenen Ressourcen, Kompetenzen, Möglichkeiten und Nöten.
Miteinander gestalten
Pastorales Handeln entwickelt sich ausgehend von und gemeinsam mit den Menschen, ihren unterschiedlichen Lebenswelten, ihren Themen, ihren Ausdrucksformen. Wir sehen die Vielfalt der Lebenswirklichkeiten als Ressource und Potenzial.
Pastorales Handeln in verändertem gesellschaftlichem Umfeld
• nimmt ernst, dass Gott all unserem Tun zuvorkommt und es begleitet;
• feiert die sonntägliche Eucharistie als Höhepunkt und Mitte des Glaubens an ausgewählten Orten in hoher Qualität, damit Menschen die Nähe Gottes spüren und erfahren können;
• fördert die Feier vielfältiger liturgischer und spiritueller Formen;
• sucht, sieht und gestaltet gemeinsam mit anderen Kontaktpunkte und Gelegenheiten, um mit der christlichen Botschaft in Berührung zu kommen und ihre Kraft zu erfahren;
• nimmt Erfahrungen, Fragen und Bedürfnisse der Menschen auf und verwendet in der Verkündigung eine dem Kontext angemessene Sprache und verständliche Bilder;
• sieht Ausgrenzung und Not von Menschen, bietet konkret Hilfe und Unterstützung, spricht Missstände deutlich an und wirkt gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern darauf hin, die systemischen Ursachen von Ungerechtigkeit und Unfrieden zu beseitigen;
• sucht, sieht und gestaltet Möglichkeiten, in denen Menschen ihre Begabungen entdecken, entfalten und in Kirche und Gesellschaft einbringen können;
• ermöglicht Menschen, Gemeinschaft zu erfahren.
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Neues ermöglichen
Veränderte Rahmenbedingungen erfordern eine Neuorganisation kirchlichen Handelns hinsichtlich Strukturen, Rollen und Prozessen. Folgende Aspekte sind handlungsleitend für deren Weiterentwicklung:
• Pastorales Handeln findet in der Gesellschaft statt und ist durch Engagement und Eigeninitiative, die sich dort zeigen, inspiriert und getragen. Dies zu ermöglichen und ggf. zu unterstützen, ist Aufgabe aller pastoral Handelnden – sowohl der hauptberuflich Mitarbeitenden als auch der beauftragten Engagierten.
• Gemeinschaftlich gelebter Glaube geschieht in den Familien und überall dort, wo Menschen ihr Christsein und ihre Überzeugungen im Alltag und in der (digitalen) Welt leben, sich selbst organisieren und ihre eigenen Ausdrucks-, Vergemeinschaftungs- und Kommunikationsformen finden.
Gemeinschaftlich gelebter Glaube ist dynamisch und nicht an bestehende Orte und Gebäude gebunden.
• Leitung wird wahrgenommen und partizipativ gestaltet. Für alle Prozesse ist das Prinzip der Synodalität handlungsleitend: Hören, Dialog und geistliche Unterscheidung.
• Seelsorgebereiche umfassen sämtliche Orte und Einrichtungen von Kirche, inklusive der kategorialen Dienste, die im jeweiligen Raum angesiedelt sind. Ihre Funktion ist es, die Vielfalt kirchlichen Lebens zu vernetzen, zu bündeln, aufeinander abzustimmen und weiterzuentwickeln.
• Die Kirche von Bamberg erhebt nicht den Anspruch, kirchliches Leben im Sinne einer Versorgung durch Haupt- und Ehrenamtliche flächendeckend aufrechtzuerhalten. Daher konzentriert sie ihre Kräfte auf profilierte und verlässliche Orte, die Schwerpunkte setzen und Strahlkraft entfalten.
• Die Verwaltung ist möglichst effizient zentral in größeren Räumen (Seelsorgebereichen) organisiert.
Vernetzt handeln
Die katholische Kirche hat den Sendungsauftrag, die Welt im Geist Christi zu gestalten. Sie versteht sich als zuverlässige Partnerin im Sozialraum, die ihre Verantwortung im Miteinander mit anderen Akteuren wahrnimmt und weiterentwickelt. Aus einer sozialraumorientierten Haltung heraus sucht sie aktiv nach Kontaktpunkten mit Menschen, Initiativen und Organisationen, die vor Ort Verantwortung tragen.
• Kirchliche Räume, Orte, Einrichtungen und Zusammenschlüsse kooperieren aktiv mit ökumenischen Partnerinnen und Partnern sowie ggf. anderen Religionsgemeinschaften und gestalten gemeinsame Vorhaben.
• Sie treten in den Dialog mit zivilgesellschaftlichen Kräften – Vereinen, Initiativen, Verbänden, Bildungseinrichtungen, Sozialdiensten – und beteiligen sich an bestehenden sozialräumlichen Strukturen, ohne diese kirchlich „zu vereinnahmen“.
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• Sie identifizieren relevante Netzwerkpartnerinnen und -partner, entwickeln gemeinsam sozialräumliche Ziele und vereinbaren projektbezogen Formen der Zusammenarbeit, die ausdrücklich das Teilen von Verantwortung, Deutungshoheit und Ressourcen einschließen (z. B. Räume, Know-how, Netzwerke, Engagement).
Wesentliches stärken – Mögliches freisetzen
Grundsätzlich richtet sich der Einsatz der Ressourcen im Seelsorgebereich nach den Erfordernissen im Sozialraum und den identifizierten Bedürfnissen der Menschen. Die fortschreitende Ressourcenverknappung erfordert freilich einen veränderten Einsatz der verfügbaren Personen und Mittel. Kriterien für den Ressourceneinsatz sind:
• Zentrale Kirchen und besondere geistliche Orte sichern das gottesdienstliche Leben, auch wenn die regelmäßige Feier der Eucharistie und der Sakramente nicht mehr an allen bisherigen Orten gewährleistet werden kann.
• Wertschätzendes Abschiednehmen und Loslassen ist ein Gebot der Stunde.
• Die Unterstützung und Begleitung von Menschen, die Kirche selbstorganisiert im Nahraum leben wollen, wird priorisiert.
• Neben bestehenden Kirchorten werden neue Orte der Hoffnung und des gelebten Glaubens gefördert.
• Experimentell-innovative Ansätze und Initiativen der Pastoral werden systematisch begleitet und unterstützt.
• Ein vereinbarter Anteil des Budgets wird verbindlich für soziale und caritative Projekte, sozialräumliche Zusammenarbeit sowie lokales Engagement eingesetzt. Die Pfarrcaritas wird als zentraler Partner in diesen Prozessen verstanden.
• Im Bewusstsein des Auftrags an alle Menschen, die Schöpfung zu bewahren, werden die Ressourcen künftig verstärkt dafür eingesetzt, verantwortungsvoll mit Gottes Natur und seinen Geschöpfen umzugehen und nachhaltige Lösungen zu fördern.
• Der Erhalt und die Nutzung kirchlicher Immobilien wird von der Pastoralstrategie her gedacht und konsequent multifunktional, kooperativ und – wo es sinnvoll ist – ökumenisch ausgerichtet.
• Bei Projekten und Angeboten ist stets die Ressourcendimension (Zeit, Kosten, Personen, Know-how, Begabungen, Engagement) mitzudenken.
Dies schließt das Entwickeln innovativer Finanzierungswege und die gezielte Bildung von Projektpartnerschaften ausdrücklich ein.
Die vorliegenden pastoralen Orientierungen verstehen sich als Fortschreibung des Pastoralplanes „Den Aufbruch wagen – heute!“ vom 9. Januar 2005, der weiterhin in Kraft bleibt. Seine Impulse werden künftig im Licht der Pastoralen
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Orientierungen – und damit aus heutiger Sicht – gelesen, interpretiert und angewendet. Nach einer Phase der Einführung gibt es die Möglichkeit, substanzielle Verbesserungen und Ergänzungen zu benennen, welche dann zu einer Fortschreibung der Orientierungen führen werden.
Hiermit setze ich die „Pastoralen Orientierungen – Entwicklungslinien für die Zukunft der Pastoral im Erzbistum Bamberg“ in Kraft.
Bamberg, am Fest der Taufe des Herrn, 11. Januar 2026
Herwig Gössl Erzbischof von Bamberg